Susanne Schulz

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Die Region Rhein-Main-Neckar gehört heute zu den wohlhabendsten Wirtschaftsregionen in Deutschland und Europa. Um sich an der Spitzenposition behaupten zu können, muss sich die Region den Herausforderungen von Strukturwandel und Globalisierung stellen. Das wird der Rhein-Main-Neckar Metropole nur gelingen, wenn sie auch künftig aus einem ausreichenden Potenzial an hervorragend ausgebildeten und weiterqualifizierten Fachkräften schöpfen kann. Ein fundamentales Problem des Arbeitsmarktes ist der Mangel an Arbeitskräften und die fehlende Passgenauigkeit von Arbeitskräftenachfrage seitens der Unternehmen und Arbeitskräfteangebot der Erwerbspersonen. Auf Initiative von adesta Personal Management Services startete 2007 ein einzigartiges Projekt zur Ermittlung von berufs- und wirtschaftszweigspezifischen Fachkräftebedarfen, die in ihrer ersten Version bereits am 19.02.08 mit den Kooperationspartnern TU Darmstadt (Lehrstuhl Prof. Dr. Dr. h.c. Bert Rürup) und Fraunhofer Institut für Graphische Datenverarbeitung (Visualisierung des Fachkräftemonitorings) in der IHK Darmstadt der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Seit März 2008 arbeitete adesta mit der TU Darmstadt an der erweiterten Version des Fachkräftemonitorings, dessen Ergebnisse nun vorliegen und der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Diese Version beinhaltet erstmals die Berechnung von regionalen Fachkräftebedarfen für die einzelnen Landkreise der Rhein-Main-Neckar-Region (RMN) bis ins Jahr 2020. Damit betritt diese Berechnung, die in Kooperation mit Dr. Dennis Alexander Ostwald von der TU Darmstadt durchgeführt wurde, wissenschaftliches Neuland. Die Ergebnisse dieser Analyse, die in dieser regionalen, wirtschaftsstrukturellen und beruflichen Tiefe einmalig sind, werden von adesta allen Interessierten in einer interaktiven Webanwendung auf dieser Internetseite zur Verfügung gestellt.

Mit dem Tool des Fachkräftemonitorings hat adesta einen bereichsübergreifenden Dialog mit Akteuren aus Politik, Bildung, Wissenschaft und Wirtschaft zur Deckung der Fachkräftebedarfe initiiert. Gleichzeitig will adesta damit zu einer „Entemotionalisierung“ des Themas Fachkräftemangel durch Transparenz und valide Daten über den tatsächlichen, berufs- und wirtschaftszweigspezifischen Fachkräftemangel bzw. -überschuss beitragen. Die Ergebnisse des Monitorings bilden ein hervorragendes Instrument für Unternehmen, die eine erfolgreiche zielgerichtete kurz- aber auch langfristige Personalplanung und eine dauerhaft erfolgreiche Personalentwicklung umsetzen möchten. Gleichzeitig trägt sie zur Sicherung der vorhandenen Personalpotenziale im Unternehmen bei.

Als Personaldienstleister will adesta vor allem jungen Leuten eine Hilfestellung bei der Berufswahl anbieten. Sie wollen gleichzeitig Hinweise für Bildungseinrichtungen in der Ausrichtung ihrer Programme liefern. Woran können sich junge Menschen bei ihrer Berufswahl orientieren? Worauf können Bildungseinrichtungen ihre Planungen gründen? Mit welchen Entwicklungen müssen Unternehmen rechnen? Was muss die Politik tun? Fragen, zu deren Beantwortung die aussagekräftigen Berechnungen durch das Fachkräftemonitoring entscheidend beitragen werden.

Auf der Grundlage von mehreren Millionen Einzeldaten stehen den Nutzern als Auswertungsoptionen neben 27 verschiedenen Landkreisen, 9 verschiedenen Kernbranchen der Rhein-Main-Neckar-Region, 12 akademischen Berufen und mehr als 80 nichtakademischen Berufen zusätzlich geschlechts- und altersspezifische Informationen zur Verfügung. Als Ergebnis können erstmals detaillierte Informationen über die Wirtschaftsmetropole Rhein-Main-Neckar, die Teile der Bundesländer Hessen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg umfasst, in regionaler – bis auf Landkreis-Ebene – , berufs- und wirtschaftszweigspezifischer Dimension ausgewiesen werden.

Die für das jetzt veröffentlichte Fachkräftemonitoring ausgewählten Berufe umfassen ca. 1,8 Mio. sozialversicherungspflichtig Beschäftigte (SvpB) in der Metropolregion Rhein-Main-Neckar. Dies entspricht mehr als 80% aller Beschäftigten der Wirtschaftsmetropole. Davon sind knapp sieben Prozent bzw. 100.000 akademische Fachkräfte, der durchschnittliche Frauenanteil beträgt 34 Prozent.

adesta-Fachkräftemonitoring: Erläuterung der Berechnungsmethodik sowie der zugrundeliegenden Annahmen

In Abbildung 1 ist die Berechnungsmethodik schematisch dargestellt.


Quelle: Ostwald, 2008, TU Darmstadt, eigene Darstellung

Abbildung 1: Gegenüberstellung von Angebot an und Nachfrage nach Fachkräften

Ein Fachkräfteüberschuss auf dem Arbeitsmarkt tritt auf, wenn das Fachkräfteangebot größer als die Fachkräftenachfrage ist. Ein Fachkräftemangel herrscht folglich vor, wenn die Arbeitsnachfrage größer ist als das Angebot. Es können Ersatz- und Ergänzungsbedarfe unterschieden werden. Während sich der demografiebedingte Ersatzbedarf durch das altersbedingte Ausscheiden von sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (SvpB) und ausschließlich geringfügig entlohnten Beschäftigten (aGeB) ergibt, werden die konjunkturbedingten Ergänzungsbedarfe auf die Veränderung der relativen Outputlücke in Verbindung mit der Entwicklung der IHK-Beschäftigungsindikatoren aus den drei Bundesländern berechnet. Die wachstums- und strukturbedingten Ergänzungsbedarfe werden über das langfristige Trendwachstum, das auf Prognosen der Prognos AG beruht, bestimmt.

Wie die Abbildung verdeutlicht, setzt sich das Arbeitsangebot an Fachkräften aus SvpB, aGeB, gemeldeten Arbeitssuchenden sowie Studien- und Ausbildungsabsolventen zusammen.

Modellierung der Angebotsseite

In der Vergangenheitsbetrachtung ist davon auszugehen, dass lediglich die Arbeitslosen als zusätzliches Fachkräfteangebot zur Verfügung stehen. Die Studien- und Ausbildungsabsolventen gehen entweder direkt einer sozialversicherungspflichtigen bzw. einer ausschließlich geringfügig entlohnten Beschäftigung nach oder melden sich arbeitslos. Um der Humankapitalentwertung von Fachkräften Rechnung zu tragen, werden die Arbeitslosen mit einer Arbeitslosendauer von über zwei Jahren aus dem Angebot herausgerechnet.
Um das Fachkräfteangebot für die Zukunft prognostizieren zu können, müssen die Datenreihen der Angebotsseite fortgeschrieben werden. Die Arbeitslosenzahlen werden mit Hilfe der Veränderung der Arbeitslosenzahlen in den Landkreisen in Verbindung mit der wirtschaftlichen Entwicklung und den damit einhergehenden berufsspezifischen IHK-Indikatoren konservativ in die Zukunft projiziert. Die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung beruht dabei auf den langfristigen Wachstumstrends der Prognos AG. Die berufsspezifischen IHK-Beschäftigungsindikatoren werden mit Hilfe der relativen Outputlücke für die Zukunft geschätzt.
Zur Ermittlung der Studien- und Ausbildungsabsolventen kann vorerst auf Studien- bzw. Ausbildungsanfängerzahlen zurückgegriffen werden. Unter der Annahme einer durchschnittlichen Studiendauer von 5 Jahren bzw. einer Ausbildungsdauer von 3 Jahren sowie durchschnittlichen Abbrecherquoten von 35% im Studium und 20% bei Auszubildenden, können bis zum Jahr 2012 bzw.
2010 sehr valide Daten berechnet werden. Für den sich anschließenden Betrachtungszeitaum werden die Zahlen berufsspezifisch fortgeschrieben.
Zudem muss die Altersstruktur des Arbeitsangebots berücksichtigt werden. Diesbezüglich werden die Daten der BA verwendet und um demografische Angaben des BBR für Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz ergänzt. Es werden alle SvpB und aGeB über 65 Jahre und alle Arbeitslose über 60 Jahre aus dem Arbeitsangebot heraus gerechnet. Die altersbedingt ausscheidenden Beschäftigten lassen einen Ersatzbedarf entstehen. Die Binnenwanderung bzw. die Migration wird nur in dem Maße berücksichtigt, wie sie zum jetzigen Zeitpunkt besteht. Darüber hinausgehende Wanderungsbewegungen wurden als vernachlässigbar gering eingeschätzt.
Jedoch wurde für die Studien- und Ausbildungsabsolventen, die in der zukünftigen Betrachtung eine zusätzliche Angebotsposition darstellen, die Arbeitsmigration berücksichtigt. So wurde angenommen, dass sich Ausbildungsabsolventen tendenziell für eine Anstellung im Bundesland ihrer Ausbildung entscheiden, während sich Studienabsolventen deutschlandweit um einen Arbeitsplatz bewerben. Bei der Verteilung der Absolventen auf die Landkreise wird davon ausgegangen, dass sich die Absolventen entsprechend der Unternehmensnachfrage verteilen, d.h. im Berechnungsmodell wurde davon ausgegangen, dass sich die Absolventen der einzelnen Berufe dort eine Stelle suchen, wo dieser Beruf ausgeübt bzw. nachgefragt wird. Als Verteilungsschlüssel dient somit die Anzahl der SvpB und aGeB in einem Landkreis an der gesamtdeutschen Zahl für Studienabsolventen und an der RMN-Zahl für die Ausbildungsabsolventen.

Modellierung der Nachfrageseite

Grundlage der Nachfrageberechnung sind wiederum die SvpB und aGeB nach Berufen in der Wirtschaftsmetropole RMN gemäß der Daten der Bundesagentur für Arbeit. Zur Prognose zukünftiger Entwicklungen werden die langfristigen Wachstums- und Erwerbstätigenprognosen der Prognos AG nach Wirtschaftszweigen verwendet. Diese wirtschaftszweigspezifischen Wachstumsraten werden über die deutschlandweite Veränderung der Berufsstruktur – eine konservative Prognose der Berufsstruktur bis 2020 wird auf Basis der zurückliegenden Entwicklungen durchgeführt – in berufsspezifische Wachstumsraten umgerechnet. Die Berufsstruktur gibt Auskunft über die Verteilung einzelner Berufe auf Wirtschaftszweige. Durch Berücksichtigung der Veränderung der Berufsstruktur im Zeitverlauf wird der sich ändernden Berufsnachfrage seitens der Unternehmen Rechnung getragen.
Um die potenzielle Nachfrage der Unternehmen prognostizieren zu können, werden die IHK-Beschäftigungsindikatoren verwendet. Diese lassen wesentlich bessere Aussagen hinsichtlich der Nachfrage der Unternehmen zu als die bei der BA gemeldeten Stellen oder die Anzahl der Stellenanzeigen. Jedoch liegen auch die IHK-Indikatoren nur für Wirtschaftszweige vor. Daher erfolgt analog zu den Prognos-Daten eine Umrechnung über die deutschlandweite Berufsstruktur auf berufsspezifische Indikatoren. Aufgrund dieser Umrechnung können erstmals auf Basis einer fundierten Datenreihe Aussagen über die berufsspezifische Nachfrage in Abhängigkeit der wirtschaftlichen Entwicklung getroffen und auch prognostiziert werden. Die Verwendung der IHK-Beschäftigungsindikatoren hat zudem den Vorteil, dass auch der – in Abhängigkeit zur konjunkturellen Lage – sehr unterschiedlichen Nachfrage der Unternehmen Rechnung getragen werden kann.
Diese Beschäftigungsindikatoren werden mit den prognostizierten Beschäftigtenzahlen multipliziert.
Durch die deutschlandweite Berufsstruktur besteht auch erstmals die Möglichkeit, berufsspezifische Fachkräftebedarfe auf Wirtschaftszweige bzw. Branchen umzurechnen. Somit können Aussagen über den wirtschaftszweigspezifischen Fachkräftemangel einer Region getroffen werden. Zudem kann durch die Veränderung der Berufsstruktur in den einzelnen Wirtschaftszweigen auch dem veränderten Nachfrageprofil der Unternehmen Rechnung getragen werden.

Datenquelle: Destatis, Statistische Landesämter Baden-Würrtemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz.

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